Ackern für die Vielfalt: Alina und Klemens von „Wiesengemüse“ im Kärntner Mölltal
Eingebettet in die alpine Landschaft des Nationalparks Hohe Tauern, genauer gesagt in der Ortschaft Rakowitzen in der Gemeinde Stall, liegt eine besondere Vielfaltsgärtnerei, die traditionelle Werte mit modernem ökologischem Bewusstsein verbindet: Wiesengemüse.
Geführt wird der Betrieb von dem jungen Gärtnerpaar Klemens Altenhuber und Alina Wiemers. Die beiden verbindet nicht nur ihr gemeinsamer Lebensweg, sondern auch die Überzeugung, Lebensmittel zu erzeugen, wie sie ursprünglicher nicht sein könnten. Auf einer überschaubaren Fläche verbinden die beiden die Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft, des Market Gardening und der Permakultur zu einem Anbausystem, das Erzeugnisse von außergewöhnlicher Qualität und unverfälschtem Geschmack hervorbringt.
Vom alten Fenster zum Glashaus
Die Geschichte von Wiesengemüse begann mit einer gemeinsamen Vision. Alina, Biologin, und Klemens, Mechaniker, wollten eine regenerative, kleinstrukturierte Vielfaltsgärtnerei aufbauen. Um ihrer Idee das notwendige Handwerk mitzugeben, absolvierten beide eine Gärtnerausbildung und schlossen diese 2021 erfolgreich mit dem Facharbeiter ab.
Auch ihr erstes Glashaus entstand aus dieser Haltung heraus. „Wir haben damals bei unserem Wohnhaus die alten Fenster getauscht. Anstatt sie wegzuwerfen, haben wir daraus unser Glashaus gebaut. So entstand genau der Raum, in dem heute im Frühjahr alles beginnt“, erzählt Klemens mit einem Schmunzeln. Dieses selbstgebaute Glashaus steht sinnbildlich für ihre Arbeitsweise: ressourcenschonend, kreativ und mit viel Eigenleistung.
Landwirtschaft neu gedacht
Mit ihrem Konzept der regenerativen Marktgärtnerei, auch Market Gardening genannt, gehen Alina und Klemens bewusst einen anderen Weg als die industrielle Landwirtschaft. Im Mittelpunkt steht nicht die größtmögliche Fläche, sondern die größtmögliche Vielfalt.
Sie zeigen eindrucksvoll, wie modern, durchdacht und zukunftsfähig kleinstrukturierte Landwirtschaft heute sein kann. „Unsere Rollen greifen nahtlos ineinander. Vom feinen Samenkorn über die Pflege der Beete bis hin zur Veredelung in der Hofküche und Backstube wird jeder Handgriff von uns selbst ausgeführt“, sagt Alina.
Dabei teilen sie ihr Wissen gerne mit anderen und verkörpern eine Generation von Landwirten, die Landwirtschaft wieder näher zu den Menschen bringt.
Gärtnern beginnt mit gesundem Boden
Das Fundament von Wiesengemüse bildet eine konsequent regenerative Anbauweise. „Wir nutzen ein System, bei dem auf kleiner Fläche eine große Vielfalt an Gemüse-, Kräuter- und Obstsorten kultiviert wird. Der wesentliche Unterschied zur großflächigen Landwirtschaft liegt im vollständigen Verzicht auf schwere Maschinen und Traktoren. Der Boden wird niemals umgepflügt oder tiefgreifend gewendet. Stattdessen werden Dauerbeete angelegt, die dauerhaft an demselben Standort verbleiben“, erklärt Klemens.
Das sogenannte No-Dig-Prinzip schützt das empfindliche Bodenleben aus Pilzen, Mikroorganismen und Regenwürmern. Statt den Boden umzudrehen, wird er lediglich mit einer speziellen Doppelgrabegabel, der Grelinette, schonend gelockert. „Anschließend bringen wir hochwertigen Kompost und organischen Mulch auf die Beete auf. Das fördert den Humusaufbau, speichert Wasser, bindet CO₂ und schafft ideale Bedingungen für gesunde Pflanzen“, ergänzt Alina. Auf synthetische Dünger und chemischen Pflanzenschutz verzichten die beiden konsequent.
Vielfalt statt Monokultur
Wer die Beete von Wiesengemüse besucht, sieht keine endlosen Reihen einer einzigen Kultur, sondern ein lebendiges Miteinander unterschiedlichster Pflanzen. Mischkulturen sorgen dafür, dass sich Gemüsearten gegenseitig unterstützen, Schädlinge fernhalten und den Boden schützen.
Ebenso wichtig ist die konsequente Fruchtfolge. Dabei werden dieselben Pflanzenfamilien nicht Jahr für Jahr auf derselben Fläche angebaut, sondern wechseln regelmäßig ihren Standort. So können sich Boden und Nährstoffhaushalt erholen, während Schädlinge und Krankheitserreger ihre Lebensgrundlage verlieren. „Durch mehrjährige Anbaupausen derselben Pflanzenfamilien verhindern wir Krankheiten und eine einseitige Nährstoffauszehrung“, erklärt Klemens.
Besonderen Wert legen die beiden außerdem auf samenfestes Saatgut. Dazu Alina: „Dieses lässt sich über Jahre weitervermehren und passt sich Schritt für Schritt an unser Mikroklima im Mölltal an.“
Wildblumenstreifen und naturbelassene Bereiche ergänzen die natürliche Pracht und schaffen zusätzlich Lebensraum für Bienen, Hummeln und viele andere Nützlinge.
Ein Schwerpunkt des Betriebes liegt auf Lagergemüse wie Kürbis, Rote Rohnen (Rote Bete) und Hülsenfrüchten wie Trockenbohnen. Dazu Klemens: „So können wir auch im Winter regionale und nährstoffreiche Lebensmittel anbieten und die Versorgung unserer Region stärken.“
Vom Beet in die Hofküche
Die Arbeit endet für Alina und Klemens nicht auf dem Feld. Ein wichtiger Teil von „Wiesengemüse“ ist die eigene Verarbeitung. So entstehen aus Chilis fermentierte Saucen, aus Kürbis und Zucchini würzige Chutneys. Auch Kombucha und Wasserkefir mit Kräutern wie Zitronenverbene oder Zitronenmelisse gehören zum Sortiment. Alle Produkte sind vegan und kommen ohne künstliche Zusätze aus.
Traditionelle Sauerteigbrote
Aus regionalem Winterroggen und Dinkel entstehen reine Sauerteigbrote mit langen Reifezeiten. „Das Geheimnis liegt in der Zeit“, sagt Alina und erklärt: „Durch die lange Teigruhe entwickeln unsere Sauerteige ihr volles Aroma. Gleichzeitig wird das Brot besonders bekömmlich. Industrielle Hefe oder künstliche Backhilfsmittel haben in unserer Backstube keinen Platz“.
Regionalität, die gelebt wird
Regionalität ist bei Wiesengemüse kein Werbeschlagwort, sondern gelebter Alltag. Die Wege vom Feld zum Teller sind bewusst kurz gehalten. Verkauft werden die Produkte direkt ab Hof, über regionale Zusammenschlüsse wie die FoodCoop Osttirol, in Selbstbedienungsläden, auf den Mölltaler Markttagen sowie online.